GESCHICHTE der Porzellanproduktion in Tirschenreuth

1838 - 1926

Im Norden der Oberpfalz liegt die Stadt Tirschenreuth. Bereits im Jahre 1134 wird sie urkundlich genannt. Von dieser Stadt hat die Porzellanfabrik Tirschenreuth ihren Namen, den Sie seit 1838 mit Stolz führt. Damit ist die Porzellanfabrik Tirschenreuth die älteste Produktionsstätte für industriell hergestelltes Gebrauchs- und Zierporzellan in der Oberpfalz.

Eigentlich wäre die Porzellanfabrik noch älter als 170 Jahre, wenn es nicht 1832 Schwierigkeiten mit der Gründung gegeben hätte. 1832 nämlich wurde dem Fabrikanten Heinrich Eichhorn, der vorhatte, in Tirschenreuth eine Porzellanfabrik zu gründen mitgeteilt : "Die Errichtung einer Porzellanfabrik ist weder notwendig noch nützlich.

Heinrich Eichhorn kannte die Rohstoffsituation um Tirschen-reuth. Er wusste, dass 1830 Porzellanerde in der Nähe von Tirschenreuth gefunden worden war. Sehr ergeben hatte Eichhorn am 8. November 1832 um die Genehmigung zur Gründung einer Porzellanfabrik ersucht. Er stellte in Aussicht, dass die Gründung einer solchen von größtem Vorteil für die Gegend sei.

Bereits am 22. November 1832 fragt das Forstamt Wald-sassen bei dem von Tirschenreuth an, ob Eichhorn jährlich 100 Klafter Scheitholz erhalten darf. Das Forstamt teilt dem Landgericht Tirschenreuth mit, dass es keine Garantie für die Holzmenge übernehmen kann. Noch mancher andere Brief wird geschrieben, jedoch wird die Genehmigung mit sieben Gründen abgelehnt :

  1. Die Errichtung konkurriert mit dem Steingut.
  2. Es wird zuviel Holz geschlagen.
  3. Es kann keine „Holzjahresgarantie“ übernommen werden.
  4. Der Brennofen liegt so nahe an der Straße und führt zu Sichtbehinderungen.
  5. Der Ofen liegt zu nahe an Städeln.
  6. Zwei Scheunen liegen zu nahe am Ofen.
  7. Die Gebäude der Fabrik sind nicht sicher.

Doch der bemühte Fabrikant erhebt über seinen Anwalt Einspruch. Und der hat Erfolg. Nachdem ein Gutachten erstellt wurde, können sämtliche Einwände ausgeräumt werden. 1833 wird die Genehmigung zum Betreiben einer Porzellanfabrik gegeben. Bis 1838 erstrecken sich die Baumaßnahmen für den ersten Brennofen, dann konnte Produziert werden.

Pfeiffenköpfe, Tassen und zahlreiche Einzelartikel bilden den Grundstock der Produktion, die anfangs Schwierigkeiten hat und Zuschüsse von Heinrich Eichhorn bekommt.

Ab 1846 geht es aufwärts, ein neuer Brennofen kann in Benutzung genommen werden. Etliche Arbeiten kamen aus dem Egerland. Für die nahegelegenen Bäder werden auch Andenken produziert. Es wurden immer mehr Erfahrungen gesammelt und bald konnten komplizierte Artikel wie beispielsweise Uhrengehäuse gegossen werden.

Nach dem Tod des Gründers H. Eichhorn erwarben E. Tittel, F. Muther, A. Bauscher u.a. Anteile an der Porzellanfabrik. August Bauscher verkauft 1880 seine Anteile an K.G. Mezger, um in Weiden eine Hotelporzellanfabrik zu gründen.

In der Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs, der Gründerzeit, beginnt eine goldene Ära. Ein Schadensfeuer von 1886 bewirkt den Bau neuer Brennöfen und einer Massemühle. Tirschenreuth blüht auf; das lässt sich auch an den Serviceformen deutlich erkennen. Duftige Blumen in der Dekorwelt zeigen Beschwingtheit. Die Formen „Carmen“ (später „Baronesse“) oder Aurora (später „Fortuna“) führen in die spielerische Welt des Jugendstils ein. Der Musterkatalog von 1900 enthält 1100 Artikel. DieVielfalt ist groß: von der Schnauzbarttasse bis zum großartigen Speiseservice.1891 war die Porzellanfabrik in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden. Weit vorausschauende Pläne konnten jetzt Gestalt annehmen: 1902 wird die Rohstoffabhängigkeit beendet. Es entsteht ein eigenes Pegmatitwerk, verbunden mit einer Kaolinschlemmerei auf der Schmelitzhöhe. K.G. Mezger starb 1908. Sein Nachfolger Johannes Schlipphack musste die Fabrik durch die Krisenzeiten des 1. Weltkrieges führen. Reationalisierungsmaßnahmen, geringer Bedarf an an „luxuriösen Erzeugnissen“, führten zu Entlassungen.

Nach dem 1. Weltkrieg, setzte Tirschenreuth wieder dort an, wo es aufgehört hatte: repräsentative Porzellanservice wurden geschaffen, die dagewesene Stile aktualisierten. Für das Barock entstand die Form „München“. Der Klassizismus trat mit „Empire“ und „Hohenzollern“ in Erscheinung.

1927 – 1945

Direktor Schlipphack stirbt 1926. Ein Jahr später übernimmt die Porzellanfabrik Lorenz Hutschenreuther AG, Selb die Fabrik in Tirschenreuth. Eine gründliche Betriebsmodernisierung folgt der Übernahme. Zudem fließt der Geist, Porzellan vielen Menschen zugänglich zu machen, immer stärker ein. Es finden sich glatte Formen, aber auch Verschnörkelte, die einen hohen Gebrauchsnutzen haben, etwa die Form „Elli“ (1937), deren Kanne von geradlinigem, glatten Aufbau ist.

1938 feiert die Porzellanfabrik Tirschenreuth ihr 100-jähriges Bestehen. Es erscheint eine Festschrift die die wichtigsten Stationen der Fabrikgeschichte aufzeigt. Zum Jubiläum wird die Form „100“ vorgestellt, die in ihrem Erscheinungsbild etwas runder als die „Elli“ angelegt ist. Die Dekorwelt war aufgrund der Schlichtheit dieser Prägnanten, für den sachlichen Stil typischen Form auf elegante Randliniendekore beschränkt. Die Ätzkanten in Kobalt, die für Tirschenreuth schon in den 20er Jahren berühmt waren, werde aber auch hier verwendet.

Zudem produzierte Tirschenreuth die vom „Amt Schönheit der Arbeit“ verlangte Quote des „Modell 2“, das für die Kantinen des Reichsarbeitsdienstes bestimmt war. Die Kanne ist glatt und leicht geschultert. An den Entwürfen arbeiteten Modelleure von Tirschenreuth  mit.

1946 – 1962

Nach dem Krieg konnte trotz Rohstoffknappheit bald wieder die Produktion aufgenommen werden. Glücklicher-weise war die Fabrik größtenteils unzerstört geblieben. Zudem wurden keine Produktionsanlagen demontiert.

Paul Straub, Alleinimporteur für USA unterstützt in der Elendszeit nach dem 2. Weltkrieg die Gemeinde Tirschen-reuth und die notleidende Bevölkerung. Er bleibt als Ehrenbürger der Stadt Tirschenreuth unvergessen.

Amerikanische Besatzungssoldaten ließen sich zunächst Nippes Artikel wie Bierkrüge u.a.m. schaffen, die sie auch gerne in die USA sandten. Für die breitere Bevölkerung wurde die in den Kriegsjahren entworfene Form „Sparta“ wieder augelegt.

In den 50er Jahren geht alles aufwärts. DieKannen werden kunstvoller und gefälliger. Die gleichförmigen Formen der 30er Jahre werden von „gestylten“ Modellen abgelöst (Form „Rita“). Die Formgestaltung bei Tirschenreuth wurde in den 50er Jahren vom Atelier zentral gesteuert. Ganz dem Geist der Zeit entsprechend, finden sich weich verlaufende, asymmetrische Formen, die spielerisch frohen Umgang mit Design ausdrücken. Das gilt für Vasen, Konfektschalen und Aschenbecher sowie für andere Geschenkartikel.

In Tirschenreuth entwirft Josef Zwerenz Dekore, aber auch Geschenkartikel. Die Dekore sind den Vor-

stellungen der 50er Jahre verpflichtet: einerseits naturalistische, farbenfrohe, anderseits graphische Dekore. Umsatzstarke Exportartikel waren neben den Kobald-Ätzkanten auch die Stahldruckdekore.

Die Produktion erfolgte bis zu Beginn der 50er Jahre weitgehend in Handarbeit. Darin kommt schrittweise der technische Fortschritt zum Tragen: 1958 erfolgte die Umstellung des Brennbetriebes von 6 Rundöfen auf 3 Tunnelöfen mit gleichzeitiger Erhöhung des Ausstoßes (Produktion 1057 in Rundöfen ca. 70 to/Monat, jetzige Produktion ca. 110 to/Monat verkaufsfähige Ware). Damit verbunden waren u.a. Brennstoffeinsparungen, Reduzierung des Brennhilfsmittelverbrauches, Befreiung der Mitarbeiter von körperlicher Schwerstarbeit.

1963 -1988

Zum 125-jährigne Bestehen dindet eine große Jubiläumsfeier mit Festzug statt. Eine Festschrift wird erstellt. Zudem bringt Tirschenreuth die Jubläumsform „Juliette“ auf den Markt. Die Form „Juliette“ findet großen Anklang. Einerseits wird die feine Ästhetik des Porzellans deutlich, andererseits kommt „Juliette“ dabei ohne Schnörkel aus.

Bald darauf entstehen die Formen „Symphonie“ (1965), „Harmonie“ (1967) und „Melodie“ (1969). Sie wurden von Bildhauer Hans Achtziger entworfen und waren große Verkaufserfolge. 1976 kommt die Form „Fleur“ von Theo Baumann auf den Markt.

Die barocke Form „Salzburg“ wird in die Kollektion aufgenommen, so dass Gestaltreinheit und Gestaltreichtum Hand in Hand gehen. Die „Trianon“, ein ursprünglich aus den 40er Jahren stammender Grundkörper wird leicht geändert und mit edlen Dekoren verziert.

Tirschenreuth hatte so sein Kollektionsbild im Servicebereich abgerundet. Der Gestaltreichtum des Barock ist durch „Salzburg“ vertreten, der Jugendstil durch die Form „Baronesse“, Gestaltreinheit durch die Form „Trianon“, die Form „Fleur“ oder aber durch die Form „Venezia“ von Designer Heinz Saur.

In den letzten Jahren wurde auch der Geschenkartikelbereich stark ausgebaut. Vor allem der Designer Heinz Saur entwirft erfolgreiche neue Formen für Vasen und andere ansprechende Geschenkartikel. Seien es die Themen „Rhomba“, „Silva“, „Rispa“ oder die kleinen liebenswürdigen Tierfiguren wie Vögel, Eulen und vieles mehr; sie alle dokumentieren die Freude an Blumen, an Formen der Natur, am Leben und die Liebe zum Porzellan.

Es beginnt mit den 60er Jahren. In dieser Zeit erfolgte die Umstellung vom Naßmahlen auf das Mischlöseverfahren in der Masseherstellung. Die Fertigung von Drehartikeln verlagerte sich vom reinen Handbetrieb auf Rollermaschinen. Qualitäts- und Quantitätsverbesserungen waren die Folge.

In den 70er Jahren brachte die Ablösung der Rollermaschinen durch halbautomatische Taktstraßen weitere Verbesserungen. 1970 wird im Werk Schmelitz die erste Spritzanlage für trockenes Massegranulat im Bereich Porzellan in Betrieb genommen – eine bedeutende Voraussetzung für das heutige isostatische Trockenpreßverfahren in unserer Branche.

1971 wird auf einer, im Werk Tirschenreuth errichteten Plastifizierungsanlage, das im Werk Schmelitz erzeugte Massegranulat verarbeitet. Die eigene Masseerzeugung nach der klassischen Herstellungsmethode aus separat angelieferten Rohstoffen unter Einsatz von Mahltrommeln, Mischern und Filterpressen wurde eingestellt.

In den 70er und 80er Jahren wird das Gießen von Hohlgeschirr teilweise von Einzelgießplätzen auf halbautomatische Großanlagen umgestellt. Mit der Anschaffung von neuesten, nach ergonomischen Gesichtspunkten gestalteten Arbeitsplätzen konnten die Arbeitsabläufe in den Dekorationsabteilungen Malerei und Druckerei rationalisiert werden. Auch im Versandbereich wurden bauliche und logistische Verbesserungen erreicht.

Moderne Schleifmaschinen wurden angeschafft, mit denen Becherborde und Tellerfüße optimal geschliffen und poliert werden können.

 

1989 - 1994

Mit der Zugehörigkeit zur Hutschenreuther AG begann auch die strategische Einstufung der Marke „Tirschenreuth Bavaria“ innerhalb des Konzerns. Mit der Änderung des Markenbildes zu einem eigenständigen CI wurden gleichzeitig wesentliche Veränderungen in der Kollektion notwendig. Der Schwerpunkt wurde sukzessive auf Geschenkartikel verlagert. Nicht ohne damit auch im Servicebereich neue Akzente zu setzen.

Veränderungen in der Unternehmensstruktur sowie notwendige Rationalisierungsmaßnahmen führten zu grundlegenden Veränderungen. Durch die Verlagerung der Form Baronesse nach Selb waren die Anlagen nicht mehr voll ausgelastet. Auch die Überlegungen aus der Porzellanfabrik  Tirschenreuth eine reine Geschenkartikel-Fabrikation zu machen wurden wieder verworfen.

1993 wurde die endgültige Schließung der Porzellanfertigung in Tirschenreuth festgelegt.
Zu diesem Zeitpunkt waren noch ca. 200 Personen beschäftigt und der Stolz der ehemaligen „Porzelliner“ war endgültig gebrochen.

Nach dem kurzzeitigen Versuch, die Porzellanfertigung in Tirschenreuth  wieder aufzunehmen, dazu wurde eine kleine Fertigung neu aufgebaut, musste diese Ende 2004 Insolvenz anmelden.

Im Jahre 2002 erwarb die MVH GmbH von der BHS-Table-Top AG, (vormals Hutschenreuther AG) die original Markenrechte „Tirschenreuth Bavaria“. Die Produktion der Produkte erfolgte anfangs in Polen und wurde später nach China verlagert. Heute fertigt MVH fast ausschließlich bei anerkannten Produzenten in China. Die Serviceformen sowie die Designs werden ausschließlich in Deutschland von bekannten Designern entwickelt. Die Qualitätssicherung über ein speziell für China entwickeltes TQM (Total-Quality-Management) mit Sitz in Shenzhen, sichert unseren Kunden eine zuverlässige Qualität, sowie eine korrekte Belieferung.

 


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